04.03.2021

Perspektive der Versorgung auf Digitalisierung

Am 16. März spricht Dr. Dirk Heinrich auf dem 16. Kongress für Gesundheitsnetzwerker über Trends der Digitalisierung unter dem Aspekt der Versorgung. Vorab im Interview mit EinBlick:

Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die größten und spannendsten Digital Health Projekte?

Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern einen großen Rückstand bei der Digitalisierung. So startete die Einführung der elektronischen Patientenakte erst Anfang dieses Jahres, die Einführung des E-Rezeptes ist für 2022 angekündigt. Wir befinden uns derzeit noch im Zeitalter des Digitalisierens und Automatisierens. Für die Zukunft wird KI das spannende Thema werden, sie wird schon heute auf dem Gebiet der Gesundheitsforschung und -versorgung am häufigsten angewendet, ebenso der Einsatz von Robotik, Augmented, Virtual Reality und Blockchain. Ob und wie wir in Zukunft dieses Wissen in den Praxisalltag integriert bekommen, wird der Megatrend in diesem Jahrhundert sein. Doch das größte Digital Health Projekt derzeit ist die Bekämpfung des Coronavirus.

Wie verändert die Digitalisierung die ärztlichen Praxen?

Die Digitalisierung der Arztpraxen muss aus Sicht des SpiFa die Versorgung der Patientinnen verbessern und auch den Praxisablauf erleichtern. Stichworte sind Telemonitoring, der Einsatz von Diagnose-Apps, Videosprechstunden, digitale Terminplaner und das digitale Wartezimmer. Unersetzlich aber wird auch in der Zukunft der direkte Kontakt zwischen Ärztinnen und Patientinnen bleiben. Ein gutes Gespräch ist nicht nur von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der Behandlung, sondern hilft auch, die richtige Diagnose zu stellen sowie passende Therapien zu finden. Ärztliche Tätigkeit bedeutet auch riechen und fühlen. Das funktioniert nur im persönlichen Kontakt.

Sind Ärztinnen gut auf die Digitalisierung vorbereitet?

Grundsätzlich ja, jedoch wird in der aktuellen Gesetzgebung verkannt, dass Ärztinnen nicht Informatik studiert haben, sondern Medizin. Junge Ärztinnen bewältigen digitale Angebote leichter, weil sie mit den Anwendungen direkt in das Berufsleben starten, und wundern sich, wie die ›alte‹ Garde mit Systemen arbeitet, die gefühlt aus der Steinzeit stammen. In der Zukunft müssen digitale Kompetenzen aber bereits in Studium und Weiterbildung vermittelt werden. Das Interesse der Patientinnen an digitalen Angeboten wird in jedem Fall weiter wachsen. Darauf müssen Ärztinnen vorbereitet sein.

Was muss die ›Digital Health Industrie‹ beachten, damit ihre Produkte von Ärztinnen gut angenommen werden?

Wir als SpiFa fordern, dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens den Patientinnen und den Ärztinnen nützen muss. An dieser Stelle möchten wir auf das massive Missverhältnis zwischen der Vergütung der DiGAs und der ärztlichen Versorgung hinweisen. Bei ungefähren Kosten von 400 Euro pro Quartal, je nach App, summiert sich das auf 1.600 Euro im Jahr. Wenn man in einer Beispielrechnung davon ausgeht, dass ungefähr 40.000 Adipositas-Patientinnen die App zanadio nutzen könnten, sind das 64 Mio. Euro Therapiekosten pro Jahr, die die Solidargemeinschaft aufbringen müsste. Vor dem Hintergrund, dass ungefähr jede fünfte Leistung im fachärztlichen Bereich nicht bezahlt wird und ein Facharzt pro Patientin oder Patient und Quartal etwa 50 Euro Umsatz erzielt, stellt sich uns die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Die Ärztin oder der Arzt soll zwar die DiGA verschreiben und damit sein ärztliches Qualitätssiegel abgeben, aber wenn es darum geht, zu verstehen, was die jeweilige DiGA eigentlich tut, wie dieses Wissen generiert und wie diese in den Versorgungsalltag integriert wird, fehlen noch die Antworten.

Wie wird Ihrer Meinung nach die ärztliche Versorgung in fünf Jahren aussehen?

Die im SGB V vorgezeichnete Trennung der Versorgungsbereiche dient heute nur noch der ökonomischen Steuerung und verhindert zu oft eine patientenorientierte Versorgung. Dies gilt gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung des Berufsstandes, im Zuge derer die Sektorengrenzen keine Rolle mehr spielen sollen. Die ambulant-stationäre Sektorengrenze wird, auch wegen deren innovationshemmender Wirkung, nicht mehr akzeptiert. In der Auflösung der Sektorengrenzen liegen viele Chancen für eine patientenzentrierte Versorgung. Fachärztinnen werden in Klinik und Praxis zusammenwachsen und versorgen ihre Patientinnen Hand in Hand. Auch die fachärztliche Weiterbildung erfolgt in Klinik und Praxis gemeinsam, umfassend und vollständig. Der ärztliche Nachwuchs wird durch die Stärkung des freien Berufes gefördert, zum Beispiel durch innovative Arbeitsmodelle und die Niederlassungsfreiheit.

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