27.08.2019

Ärzteverbände kritisieren – Honorarplus – nur Tropfen auf den heißen Stein

Ärzte Zeitung online, 26.08.2019

Der aktuelle Honorarabschluss zwischen KBV und GKV-Spitzenverband löst bei Ärzteverbänden keine Freudentänze aus. Wichtige Posten seien ausgeklammert worden, so die Kritik.

Von Thomas Hommel

Auf insgesamt 565 Millionen Euro beläuft sich das Honorarplus für 2020. Pro Monat und Praxis wird es rein rechnerisch aber nur 466 Euro zusätzlich geben, so der NAV Virchow-Bund.

Vertreter mehrerer Ärzteverbände haben enttäuscht auf den jüngsten Honorarabschluss zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband reagiert. Der Chef des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, nannte den Honorarzuwachs um rund 565 Millionen Euro im kommenden Jahr einen „Tropfen auf den heißen Stein“. Auf den ersten Blick möge das Plus als große Summe erscheinen. „Steigende Praxiskosten oder die Inflation fressen dieses aber komplett wieder auf“, sagte Weigeldt am Montag der „Ärzte Zeitung“.

Eine Stärkung der hausärztlichen Versorgung sei im Abschluss nicht zu erkennen, so Weigeldt. Im Gegenteil: Wichtige Punkte wie die bessere Vergütung von Hausbesuchen oder der Wegfall der Chronikerpauschale seien nicht berücksichtigt worden. Hier gebe es mit Blick auf die EBM-Reform noch deutlichen Nachholbedarf, sagte er. Die Reform ist für Anfang 2020 geplant.

Budgets und viele Hamsterräder

Kritik am Abschluss äußerte auch der Hartmannbund. „Das Ergebnis zeigt einmal mehr, dass in einem von Budgets und Hamsterrad-Mechanismen dominierten System mit dann vergleichbar kleinen Stellschrauben – wie marginalen Punktwerterhöhungen auf Basis von Diagnosen und Demografie – kein Leistungsbezug mehr hergestellt werden kann“, sagte Hartmannbund-Chef Dr. Klaus Reinhardt der „Ärzte Zeitung“.

Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Verbands der niedergelassenen Ärzte Deutschlands (NAV Virchow-Bund), sprach von einem „dürftigen Ergebnis“. Immerhin hätten Ärzte und Kassen die Handlungsfähigkeit der Selbstverwaltung unter Beweis gestellt. Der Honorarabschluss war nach zwei Verhandlungsrunden und ohne Anrufung des Erweiterten Bewertungsausschusses zustande gekommen.

GKV-Spitzenverband und Kassenärztliche Bundesvereinigung hatten sich am Freitag darauf geeinigt, dass der Orientierungswert 2020 um 1,52 Prozent auf 10,9871 Cent steigt. Aktuell liegt er bei 10,8226 Cent. Die Anhebung entspricht einer Honorarsteigerung von rund 565 Millionen Euro.

Für die knapp über 101.000 Praxen in Deutschland bedeute diese Summe rechnerisch rund 466 Euro mehr pro Monat und Praxis, betonte Heinrich. „Das ist angesichts der allgemeinen Preisentwicklung, vor allem jedoch hinsichtlich der Personalkosten kein gutes Zeichen.“ Der Fachkräftemangel habe längst auch die Arztpraxen erreicht. „Wir befinden uns in harter Konkurrenz zu anderen Akteuren im Gesundheitswesen.“

Vertreter der Kassen hingegen lobten die Einigung. „Mit dem Honorarabschluss 2020 für die ärztliche Versorgung hat die gemeinsame Selbstverwaltung ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt“, sagte auch Ulrike Elsner, Vorstandschefin des Verbandes der Ersatzkassen der „Ärzte Zeitung“. Die geplante Ausgabensteigerung von gut einer halben Milliarde Euro sei „begründbar“. Mit der erweiterten Vergütung für Videosprechstunden würden zudem positive Anreize insbesondere für die Versorgung auf dem Land geschaffen, so Elsner.

Laut Honorarabschluss zahlen die Kassen als Anschubfinanzierung für Videosprechstunden ab diesem Oktober bis zu 500 Euro je Arzt und Quartal. Die Förderung gilt für zwei Jahre und erfolgt extrabudgetär über die Gebührenordnungsposition 01451.

Weitere Steigerungen abwarten

Von AOK-Seite kam der Hinweis, dass die geplante Honorarsteigerung nicht zu den Kostenwirkungen der laufenden Gesetzgebung zähle, sondern obendrauf gerechnet werden müsse. Der aktuell genannte Mehrbetrag für die Ärzte von gut einer halben Milliarde Euro bilde zudem die voraussichtlichen Honorarsteigerungen noch nicht komplett ab, sagte ein AOK-Sprecher auf Anfrage der „Ärzte Zeitung.

Vielmehr seien dafür noch die Verhandlungen über die Morbidität in den einzelnen KV-Regionen abzuwarten. Aber auch ohne die im Raum stehenden Honorarsteigerungen schlügen die aktuellen gesetzgeberischen Aktivitäten der GroKo für die Kassen mit 29 Milliarden Euro auf der Ausgabenseite zu Buche.

Quelle: Ärzte Zeitung online, 26.08.2019