02.07.2020

Alte Gräben brechen auf – DKG: Ambulanter Sektor stößt an Grenzen

Mit Abflauen des Ausbruchsgeschehens brechen die Konfliktlinien der Vor-Corona-Zeiten zwischen Vertragsärzten und Krankenhäusern wieder auf.

DKG: Ambulanter Sektor stößt an Grenzen

In der Hochzeit der Corona-Pandemie funktionierte die Kooperation von DKG und KBV noch leidlich – beispielsweise bei den Fieberambulanzen.

Berlin. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat am Mittwoch eine vorläufige Bilanz auch ihrer ambulanten Aktivitäten in der COVID-19-Pandemie gezogen. Das ging nicht ohne Kritik an den niedergelassenen Ärzten ab. „Die Krankenhäuser mussten Ausfalldienstleister für die niedergelassenen Ärzte sein“, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Man müsse sehen, dass der ambulante Sektor in besonderen Situationen wie zum Beispiel einer Pandemie „sehr schnell an Grenzen“ stoße, spielte DKG-Präsident Dr. Gerald Gaß an die Praxisschließungen in der Folge des Ausbruchs des neuen Coronavirus an.

Nicht ohne Grund hätten die Krankenhäuser in vielen Regionen ambulante Aufgaben übernehmen müssen, zum Beispiel in Fieberambulanzen und Testzentren. Die Refinanzierung des Aufbaus zusätzlicher ambulanter Kapazitäten sei vielerorts zunächst ungeklärt geblieben, sodass manche Häuser gezwungen gewesen waren, in Vorleistung zu gehen.

Gassen: „Klinikärzte standen vor leeren Betten“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) reagierte prompt. „Es ist schon bemerkenswert, in welcher dreisten Art und vor allem mit welcher Unkenntnis Herr Baum versucht, die hervorragenden Leistungen der Vertragsärztinnen und Vertragsärzte in der Corona-Krise kleinzureden“, sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen.

Sechs von sieben Corona Patienten in Deutschland würden ambulant versorgt. Die Praxen böten zudem Infektionssprechstunden und spezielle Hausbesuchsdienste sowie Videosprechstunden, um Risiken gering zu halten.

Dass die Ärzte in den Krankenhäusern teilweise vor leeren Betten gestanden hätten und die Intensivstationen nicht mit Patienten gefüllt waren wie in Spanien und Italien habe nicht zuletzt an der ambulanten Versorgung gelegen.

„Der niedergelassene Schutzwall hat funktioniert“, sagte Gassen. KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister appellierte an die DKG, die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der Ärzte aller Sektoren in den Vordergrund zu rücken.

SpiFa: Krise geht nur gemeinsam

Auch der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa) hieb in diese Kerbe. „Liebe DKG: Krise geht nur gemeinsam!“ überschrieb der Verband am Mittwoch seine Reaktion. SpiFa-Chef Dr. Dirk Heinrich betonte, das hiesige Gesundheitswesen habe mit beispiellosem Engagement aller Beteiligten die Krise im internationalen Vergleich bislang gut bewältigt.

„Jetzt davon zu sprechen, dass dies ausschließlich auf die besondere Leistungsfähigkeit der Krankenhäuser zurückzuführen sei, ist blanker Unsinn“, sagte Heinrich. Niedergelassene Haus- und Fachärzte hätten den Kollaps der stationären Versorgungsstrukturen verhindert.

Diskussion über Fieberambulanzen

Wie viele Fieberambulanzen tatsächlich ausschließlich von Krankenhäusern betrieben worden seien, konnten die DKG-Vertreter nicht sagen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nannte auf Anfrage der „Ärzte Zeitung“ die Zahl von rund 500 Fieberambulanzen, die zu Hochzeiten des Ausbruchsgeschehens in Deutschland tätig waren.

Die KBV geht davon aus, dass die Vertragsärzte in der Coronakrise bei Fieberambulanzen und Testeinrichtungen, stationär und mobil, „federführend“ waren.

„Es gibt nicht das eine Organisationsmodell“, räumte Gaß ein. Das Bild sei bunt. Es gebe Fieberambulanzen, die die Krankenhäuser komplett alleine in eigenen Räumlichkeiten und mit eigenem Personal getragen hätten, manchmal unterstützt durch Materiallieferungen der Kommunen oder der Länder.

Ärger um die Finanzierung

Es habe aber auch Mischmodelle gegeben, wo niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser auf „vorbildliche Art und Weise regional kooperiert hätten“, üblicherweise in Räumen in der Nähe von Krankenhäusern, aber außerhalb der Hauptgebäude. Dort hätten dann Mitarbeiter aus den Krankenhäusern und Personal der Vertragsärzte zusammengearbeitet, auch mit Mitarbeitern aus dem Öffentlichen Gesundheitsdienst und der Medizinischen Dienste.

Was die Finanzierung der Fieberambulanzen angehe, habe es viel Ärger gegeben, sagte Baum. Behandlungen in Notfallambulanzen müssten mit den Kassenärztlichen Vereinigungen abgerechnet werden. Die hätten aber aus Sicht der Krankenhäuser bis heute eine sehr restriktive Sicht an die Testnotwendigkeiten.

In den Notfallambulanzen müssten die Krankenhäuser heute noch bei den KVen betteln, um eine Abrechnungsberechtigung für die Durchführung von Tests zu bekommen. Dazu gebe es eine intensive Korrespondenz auch mit dem Gesundheitsministerium. An der Stelle sei das Zusammenwirken mit den Kassenärztlichen Vereinigungen nicht so gut gewesen, wie es eigentlich sein müsste, so Baum.

Notfallversorgung: Wer kriegt den Hut?

Gaß und Baum haben sich zudem für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Krankenhausversorgung nach der Krise ausgesprochen. Leitbild seien regionale, sektorenübergreifende Versorgungsnetzwerke, in denen die Krankenhäuser die Verantwortung auch für die ambulante Notfallversorgung übernehmen sollten.

„Die Notfallversorgung gehört an die Krankenhäuser“, sagte Gaß am Mittwoch in Berlin. Dort, wo der ambulante Sektor selbst nachweislich nicht dazu in der Lage sei, diese zu organisieren, sollten die Krankenhäuser die zentralen Akteure sein.

Die dazu vorliegenden Reformentwürfe aus dem Gesundheitsministerium sehen die Verantwortung für Notfallzentren an den Krankenhäusern generell bei den Kassenärztlichen Vereinigungen.

Gaß: Strukturreform muss sein

Gleichwohl räumte Gaß ein, dass zu einer Strukturreform der Abbau von nachweisbar nicht notwendigen Klinikkapazitäten, Standortzusammenlegungen und in Einzelfällen auch Standortschließungen gehörten.

Auf der anderen Seite müsse nach den Erfahrungen mit der andauernden Pandemie auch der Erhalt, die Stärkung und die sektorenübergreifende Weiterentwicklung von Standorten in Regionen mit Versorgungsdefiziten ins Auge gefasst werden.

„Wir nehmen den designierten Hauptgeschäftsführer der DKG, Dr. Gaß, beim Wort“, sagte Heinrich. Zum Dialog gehöre aber auch das Anerkenntnis der Leistungsfähigkeit des ambulanten Sektors.

Quelle: Ärzte Zeitung, 01.07.2020