26.04.2021

Finanzierung – Private Equity in MVZ? Mehr Evidenz täte der Debatte gut

Jedes sechste MVZ ist in der Hand nicht-medizinischer Investoren. Deren Rolle wird kontrovers beurteilt – äußerst kritisch von der Zahnärzteschaft, eher gelassen von Laborärzten.

Geld und Medizin: Immer wieder ein Anlass, zu streiten.

Berlin. Für Ulrich Sommer, Vorstandschef der apoBank, ist die Richtung klar: „Wir brauchen Strukturen, die von der ärztlichen Berufung geleitet werden, vor allem auch in technik- und kapitalintensiven Versorgungsbereichen.“

Diesem Ziel widerspricht allerdings die Tatsache, dass laut Sommer inzwischen jedes sechste MVZ von einem Investor betrieben wird. Der Trend, insbesondere von ausscheidenden Ärzten zu steigenden Preisen leistungsfähige Praxen zu übernehmen, wird sich nach Sommers Einschätzung aufgrund medizinischer Innovation, hohem Kapitalbedarf und demografischer Entwicklung noch verstärken.

Sommer war einer der Teilnehmer eines Streitgesprächs („Droht der Ausverkauf des deutschen Gesundheitswesens durch Fremdkapital?“) beim diesjährigen, virtuell abgehaltenen SpiFa-Fachärztetag.

MVZ und Rosenpickerei

Seit MVZ nicht mehr fachgebietsübergreifend organisiert sein müssen, steht diese Betriebsform auch Zahnärzten offen – und dieser Umstand hat dazu geführt, dass inzwischen 21 Prozent der Zahnarzt-MVZ von Kliniken und zwölf Prozent von Finanzinvestoren betrieben werden.

Mit Sorge beobachtet Dr. Martin Hendges von der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, dass sich das Engagement von Privat Equity auf urbane Regionen mit hohen Median-Einkommen und junger Bevölkerung konzentriert.

Aus den Abrechnungsdaten lasse sich schlussfolgern, dass solche MVZ „Rosinenpickerei betreiben“ und sich nicht oder unterdurchschnittlich an der Versorgung älterer, pflegebedürftiger Menschen, vulnerabler Gruppen und von Kindern beteiligen. Ferner wiesen die Abrechnungen nicht durch Morbidität zu erklärende überdurchschnittliche Fallwerte auf.

Besitz-Hinweis auf dem Praxisschild?

Hendges fordert deshalb politische Konsequenzen: Transparenz für Patienten durch ein MVZ-Register, mit dem die Eigentümerverhältnisse offenkundig und schon auf dem Praxisschild erkennbar gemacht werden müssen. Ferner Bedarfsplanungsregelungen, die es ermöglichen, Übernahmen in überversorgten urbanen Regionen insbesondere durch Private Equity-Investitionen einzuschränken.

Der Laborarzt Dr. Michael Müller sieht dies entspannter – aus eigener Erfahrung: Er ist Geschäftsführer in einem Labor-MVZ, dessen Kapital von Finanzinvestoren stammt. Wesentlich, so Müller, sei, dass es neben dem Geschäftsführer eine ärztliche Leitung gebe und die medizinischen Inhalte von Ärzten unabhängig definiert werden.

Die Organisationsform MVZ, so Müller, sei einer Entwicklung der Medizin gefolgt: Innovation, wachsende Komplexität sowie mehr Interdisziplinarität und Kooperation. Auch die Dynamik der Digitalisierung werde das weiter befördern. Hinzu trete der Wunsch junger Ärzte, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können.

Entscheidend für das Vertrauen von Patienten in MVZ-Strukturen sei die Sicherung der Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen. Die Kontrollmechanismen dafür müssten von der Ärzteschaft selbst entwickelt werden.

Müller ist davon überzeugt, dass diese sich durchsetzen lassen. Denn die Knappheit junger Ärzte werde dafür sorgen, dass diese selbstbewusst darüber entscheiden können, in welcher Struktur sie arbeiten wollen.

Ergebnisqualität sagt mehr als die Eigenkapitalquote

Gleichwohl sieht Müller durchaus auch Interesse bei jungen Ärzten an der Niederlassung in eigener Praxis. Entscheidend dafür sei eine Willkommenskultur etwa in den KVen, die ihren Ausdruck in umfassenden Beratungskonzepten für den Nachwuchs findet. Das sei in der Zahnmedizin so nicht vorhanden.

Nach Auffassung des Ökonomen Dr. Marcus Bauer von der Beratungsgesellschaft Strategy& lässt sich nicht belegen, dass Einrichtungen, die mit Private-Equity-Kapital ausgestattet sind, minderwertige Qualität liefern oder das Problem von Über-, Unter-oder Fehlversorgung verschärfen.

Abrechnungsdaten seien keine ausreichende Grundlage für derartige Behauptungen. Bauer plädierte für eine deutliche Verbesserung der Transparenz, insbesondere auch mittels des Indikators Ergebnisqualität.

Tatsache sei außerdem, dass mit Fremdkapital betriebene MVZ einerseits in technik- und kapitalstarken Bereichen der ambulanten Medizin arbeiten, andererseits aber auch innovative interdisziplinäre Kombinationen schaffen, etwa die Verbindung von Onkologie, Radiologie und hausärztlicher Versorgung. Seine Empfehlung: Pluralität zulassen, Oligopole vermeiden und die Debatte durch Evidenzbasierung entmystifizieren.

Quelle: Ärzte Zeitung, 25.04.2021