17.09.2020

Honorarbeschluss: Ärzteschaft beklagt mangelnde Wertschätzung

Die Ergebnisse der alljährlichen Punktwertverhandlungen werden von den Vertragsärzten nicht zum ersten Mal als Kränkung empfunden. Diesmal jedoch ganz besonders.
Von Christoph Winnat

Berlin. Dass die im Erweiterten Bewertungsausschuss gegen die Stimmen der KBV-Vertreter zum 1. Januar kommenden Jahres beschlossene Anhebung des Orientierungspunktwertes um 1,25 Prozent keine Freudenstürme entfachen würde, war klar. Das Plus liegt leicht unter dem Mittelwert der vergangenen Jahre (seit 2014) von 1,3 Prozent .

KBV-Chef Dr. Andreas Gassen hatte bereits zur Verkündung am Dienstagabend die Entscheidung als „grobe Missachtung der Leistungen der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen“ kommentiert. Die KBV war mit der Forderung nach drei Prozent Preisanhebung in die diesjährigen Honorarverhandlungen gegangen.

Den Hahn zugedreht?

Am Mittwoch legten Ärzteverbände nach. Insbesondere vor dem Hintergrund der anhaltenden Coronakrise sei das Ergebnis enttäuschend. Virchowbund-Vorsitzender Dr. Dirk Heinrich etwa greift zu einem drastischen Vergleich: „Wer auf diese Weise Honorarverhandlungen führt“, heißt es in Richtung Kassenverband, „dreht der Feuerwehr während des Großbrandes das Wasser ab“.

Der Hartmannbund-Vorsitzende Dr. Klaus Reinhardt verweist auf politisch abgesegnete Geldflüsse in Richtung Kliniken und öffentlichem Gesundheitsdienst. Wohingegen die ambulante Medizin leer ausgehe. Reinhardt: „Man muss keine Neiddebatte führen und auch nicht darüber diskutieren, wer bisher mehr in der Coronakrise geleistet hat, um festzustellen, dass mit diesem Honorarabschluss die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen die Verlierer der Krise sind.“

Der Fachärzteverband SpiFa, der erst zu Wochenbeginn vermeintliche Verteilungsungerechtigkeiten zulasten der Gebietsärzte beklagt und eine „Diskussion über leistungsgerechte Vergütung“ angemahnt hatte, rekurriert gleichfalls auf stationär zu verortende Wirtschaftlichkeitsreserven.

SpiFa-Hauptgeschäftsführer Lars F. Lindemann: „Wer Milliarden für die Stützung der Krankenhäuser ausgibt, ohne die Krankenhauslandschaft zu hinterfragen, und dann den Vertragsärzten lediglich einen nicht-kostendeckenden Ausgleich für die Vorhaltung ihrer Praxen gewährt, hat erneut eine Chance vertan, die Leistungsträger und deren fast 800.000 Mitarbeiter wert zu schätzen.“

Kassenverband erinnert an Schutzschirm

Unterdessen verteidigt der GKV-Spitzenverband, der mit der Forderung nach einer Nullrunde in die Verhandlungen gegangen war, deren Ergebnis. Vorstandsmitglied Stefanie Stoff-Ahnis hält die Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschusses angesichts der finanziellen Herausforderungen für die GKV – in Rede steht eine pandemiebedingte Finanzierungslücke von 16 Milliarden Euro –, für „ausgewogen“.

Neben der Punktwertanhebung, die den Ärzten kommendes Jahr rund 470 Millionen Euro zusätzlich bringe, sei auch mit Einkommenszuwachs über die Mengenkomponente – veränderte Morbidität, extrabudgetäre und neue Leistungen – zu rechnen. Insgesamt, so Stoff-Ahnis, erhöhe sich die vertragsärztliche Vergütung in 2021 um „voraussichtlich über eine Milliarde Euro“.

Zudem erinnert Stoff-Ahnis daran, dass die GKV „auch die niedergelassenen Ärzte mit einem Schutzschirm unterstützt“ und so bereits eine Beitrag dazu geleistet habe, die ambulante Versorgung in schwierigen Zeiten sicherzustellen.

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