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Eine Täuschung der Patienten – Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung

Der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands e.V. (SpiFa) beschäftigt sich bereits seit 2015 ausführlich mit der Reform der Psychotherapeutenausbildung. Kritisch wird zur Kenntnis genommen, dass der Gesetzgeber und die Psychologie als Wissenschaft die notwendige Reform dazu nutzen, um ein eigenständiges psychologisches Berufsbild unter der für Patienten und die Ärzteschaft irreführenden Bezeichnung „Psychotherapeut“ aufzusetzen. Das Reformvorhaben ist durch den Koalitionsvertrag der Bundesregierung in mehrfacher Hinsicht nicht gedeckt: weder als Strukturreform noch als Ausbildungsreform mit dem Ziel einer sogenannten „Direktausbildung“. Die geplante zweistufige Ausbildung ist weder eine Direktausbildung noch ist sie mit einem Direktstudium zum Arzt vergleichbar; die Ausbildung führt zu keiner seriösen Approbation oder gar einer Ausbildung zur Psychotherapeutin oder zum Psychotherapeuten.

Psychotherapie nach heutiger Definition ist kein Fach und kein Gebiet, sondern lediglich eine Behandlungsmethode. Grundlage für das neue Berufsbild „Psychotherapeut“ ist dabei explizit nicht mehr das Studium der Psychologie mit anschließendem Erlernen der verfahrensgebundenen Psychotherapie. Vielmehr soll die Approbation des „Psychotherapeuten“ auf ein polyvalentes Bachelor-Psychologie- und ein anschließendes Master-Studium der klinischen Psychologie abgesenkt werden. Es wird jedoch für keinen Patienten mehr erkennbar sein, dass ein zukünftig approbierter „Psychotherapeut“ keine verfahrensgebundene Psychotherapie beherrscht, und dass dessen Herkunft die Psychologie ist. Der künftige Heilberuf „Psychotherapeut“ hat nach jetziger Planung keine Psychotherapie erlernt. Dies führt zu einer massiven Irreführung und Täuschung der Patienten und gleichzeitig wird dabei der Schutz der Patienten gravierend gefährdet.

Substitution ärztlicher Kernkompetenzen

Die Herausforderung für die Ärzteschaft entsteht durch die Anlage eines eigenständigen psychologischen Versorgungssystems, das sich damit strukturell autonom und getrennt von der Medizin entwickeln wird. Davon ist die Medizin in hohem Maße getroffen, da ärztliche Kernzuständigkeiten für das Psychische und Psychosomatische nun zusätzlich auch auf den neuen Heilberuf übergehen sollen. Der zunehmende Wunsch des Gesetzgebers nach Substitution ärztlicher Kernkompetenzen als Antwort auf den Ärztemangel wird hier allzu deutlich. Und zwar ohne, dass dies dem Bürger und den Versicherten näher erläutert und begründet wird.

Approbierte klinische Psychologen

Die Neuformulierung der Berufsbezeichnung sieht eine Unterscheidung des neu geschaffenen Berufsbildes des Psychotherapeuten und dem der ärztlichen Psychotherapeuten vor. Der SpiFa schlägt vor, die nach dem jetzt vorliegenden Vorschlag des Gesetzgebers Ausgebildeten und Approbierten als approbierte klinische Psychologen zu bezeichnen, da diese einen polyvalenten Psychologie-Bachelor- und anschließend einen speziellen Master-Abschluss in klinischer Psychologie abgelegt haben, der auch Grundlagen der Psychotherapie vermitteln soll, sowie dann zusätzlich eine Approbationsprüfung.

Die Bezeichnung als „Psychotherapeut“ legt dem Wortsinn folgend die Fähigkeit der Ausgebildeten und Approbierten zur psychotherapeutischen Tätigkeit nahe, was hier jedoch unzutreffend ist. Es fehlt die wesentliche Information, dass er im Grundsatz zwei Psychologie-Studiengänge abgeschlossen hat.

Umetikettierung unter Missachtung des Verbraucherschutzes

Mogelpackung „Direktausbildung“

Der nach einer Staatsprüfung zu approbierende neue Heilberuf durchläuft zwei eigenständige Studiengänge der Psychologie.

 

1. Studium: grundlegendes polyvalentes Bachelorstudium in Psychologie.

Das Bachelor-Studium Psychologie ist polyvalent angelegt. Das heißt, dass dieser Bachelor-Abschluss auch für weitere Masterstudiengänge der Psychologie qualifiziert. Es ist eben kein Psychotherapie-Studium, auch wenn entsprechende Inhalte vorkommen und Praktika in Seminarform, die Hälfte als Forschungspraktika, abgehalten werden.

Ist dies ein völlig neuer Studiengang?

Dazu äußert sich die deutsche Gesellschaft für Psychologie, die diese Studiengänge maßgeblich mitgestaltet, auf ihrer Homepage unter „häufig gestellten Fragen“ so:

„Die universitäre Psychologie ist gerade sehr aktiv dabei, sich auf die Veränderungen und Übergangsregelungen einzustellen. Der Bachelor in Psychologie (wichtig ist hier die genaue Bezeichnung: B.Sc. Psychologie) ist an den meisten Standorten bereits jetzt sehr nah an der geforderten neuen Studienordnung, so dass Studierende im Normalfall nur noch ein paar Zusatzkurse belegen müssen. Sehr viele Psychologie-Standorte werden mit Inkrafttreten des Gesetzes (2020 oder 2021) auch gleich mit den Master-Studiengängen mit dem Schwerpunkt „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ beginnen. Für alle Studierenden, die im WS 2019/2020 anfangen, werden die Institute gut machbare Übergangsregelungen erarbeiten. Es empfiehlt sich also, direkt mit dem Psychologiestudium in Form eines polyvalenten Bachelors (B.Sc. Psychologie) zu starten.“

„Der Bachelor, der auf den Master mit dem Schwerpunkt „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ vorbereitet, wird allerdings auch nach der Reform ein polyvalenter (d.h. allgemeiner) Bachelor in Psychologie bleiben. Dieser polyvalente Bachelor wird – wie bisher – ein allgemeines Verständnis von den Grundlagen menschlichen Erlebens und Verhaltens vermitteln. Studierende können sich im Anschluss für verschiedene Schwerpunkte auch jenseits der Psychotherapie entscheiden. Der Großteil der psychologischen Universitätsinstitute wird ein Masterstudium mit der Spezialisierung auf Klinische Psychologie und Psychotherapie anbieten, das die Anforderungen einer Approbationsordnung erfüllt. Daneben werden aber auch weiterhin andere Schwerpunktsetzungen (wie z.B. der Organisations- und Wirtschaftspsychologie) möglich sein.“

Hieraus geht eindrucksvoll hervor, dass in den ersten drei Jahren ein ganz normales, auch bis her bekanntes Psychologie-Studium abgeschlossen werden soll. 2/3 des Studiums sind also allgemeine Psychologie. Mogelpackung: neues Studium!

 

2. Studium: Ein spezialisiertes Studium der Psychologie mit Schwerpunkt klinische Psychologie und Psychotherapie (Zitat Homepage Deutsche Gesellschaft für Psychologie)

Hier sollen in 3 Semestern – im 4. Semester wird üblicherweise die Masterarbeit verfasst – die Erfordernisse einer noch nicht vorliegenden „Approbationsordnung in Psychotherapie“, und zwar sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen erfüllt werden. „Psychotherapie“ ist nur einer von zwei Schwerpunkten dieses Psychologie-Master-Studiums. Es ist ein Studium der Psychologie mit einem Psychologie-Abschluss.

Ganz nebenbei heißt es auf der DGPs Homepage: „Die Studieninhalte repräsentieren einen evidenzbasierten, zukunftsorientierten psychotherapeutischen Pluralismus, der neben traditionellen wissenschaftlich anerkannten Psychotherapie-Verfahren auch wissenschaftlich fundierte Behandlungs­methoden und evaluierte psychotherapeutische Neuentwicklungen berücksichtigt (Stichwort: „Vielfalt durch Evidenzbasierung“).“ Alles das drängt sich in 3 Studiensemester. Das Studium geht trotz seiner Kürze also in Breite nach einem bereits breit (Polyvalent) angelegten allgemeinen Psychologie-Studiums.

 

Mogelpackung Approbationsprüfung

Die Approbationsprüfung ist aus zwei Gesichtspunkten heraus eine Mogelpackung

– Die Approbationsprüfung ist nichts weiter als die Prüfung der Zugangsvoraussetzung für die Ausbildung der Psychologie-Absolventen zum Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten!

Diese Prüfung wird bisher an den Ausbildungsinstituten abgelegt und soll jetzt als Staatsprüfung an den Universitäten stattfinden. Mangels Patienten an den psychologischen Universitätsinstituten sind Rollenspiele mit Schauspielern vorgesehen.

– Neu ist die mit der Prüfung einhergehende Umetikettierung: Mit dieser Staatsprüfung entkleidet sich der Psychologie-Absolvent der Bezeichnung seiner Studienabschlüsse und bekommt ein neues Etikett als „Psychotherapeut“. Seine Kommilitonin, die die Staatsprüfung nicht ablegt, bleibt Psychologin: Eine wundersame Metamorphose!

Der Gesetzgeber nimmt einfach ein bewährtes Qualitäts- und Gütesiegel und klebt dies einfach auf die Zugangsvoraussetzung für das Erlernen der darin bislang verbürgten Qualität.

Alle Namen, die die Bezeichnung „Therapeut“ tragen, verweisen auf Berufe und Bezeichnungen innerhalb von Berufen, die therapieren, also Therapie anwenden. Beispiele sind Physiotherapeut, Musiktherapeut, Kunsttherapeut, Schmerztherapeut u.v.m.

Nur beim „Psychotherapeuten“ soll dies nicht mehr gelten!

„Sprechende Medizin“

Das neue Berufsbild eines Heilberufes „Psychotherapeut“ suggeriert in unzulässiger Weise, dass das heilberufliche „Sprechen“ mit einem Patienten ausschließlich bei einem neu zu etablierenden Heilberuf „Psychotherapeut“ erfolgen wird. Anders als der fundiert in den komplexen Zusammenhängen des gesamten menschlichen Organismus ausgebildete Arzt, der entsprechend weitergebildet ebenfalls die Bezeichnung Psychotherapeut trägt, ist der „Psychotherapeut“ hier nicht kundig. Psychotherapie ist ein Behandlungsansatz, kein Fach, kein Gebiet und kein Versorgungsystem mit den hier genannten allumfänglichen Ansprüchen. Richtigerweise können das Sprechen und heilberufliches ärztliches Wirken in der Humanmedizin nicht voneinander abgegrenzt und getrennt werden. Der SpiFa lehnt die Ausgrenzung des Sprechens auf einen neuen Heilberuf „Psychotherapeut“ vollumfänglich ab.

Kassenpsychologische Vereinigungen

Die im Regierungsentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung angelegte Eigenständigkeit der Entwicklung eines neuen Heilberufes und die damit einhergehende Entkoppelung von der Medizin bedingt insbesondere die Bildung von entsprechenden Kassenpsychologischen Vereinigungen (KPVen) und einer Kassenpsychologischen Bundesvereinigung (KPBV), nachdem sich die Ausbildung eines eigenen Kammersystems bereits jahrelang bewährt hat. Eine gemeinsame Interessensvertretung innerhalb einer Körperschaft wird den angestrebten Aufgaben überhaupt nicht mehr gerecht. Welche Auswirkungen die geplante Entwicklung auf das System der kassenärztlichen Selbstverwaltung haben wird, ist derzeit völlig unklar.

Der vorliegende Regierungsentwurf bedarf einer qualifizierten Auseinandersetzung mit der ärztlichen Selbstverwaltung, insbesondere den Bundes- und Landesärztekammern, welche bisher nicht stattgefunden hat. Die SpiFa rät dringend dazu, den Gesetzgebungsprozess auszusetzen und den Entwurf grundlegend zum Schutz der Patienten zu überarbeiten. Eine offenkundige Irreführung und Täuschung der Bürger, Versicherten und Patienten in Deutschland ist aus ärztlicher Sicht abzulehnen und zu verhindern.

Unsere Kritikpunkte im Überblick

Das Gesetzesvorhaben fährt unter falscher Flagge!

Das Gesetz in seiner vorliegenden Form regelt keine Ausbildung zum Psychotherapeuten, sondern zu einem therapeutischen Psychologen. Von einer Direktausbildung kann keine Rede sein.

Dieses Gesetz hat mit der Vereinbarung im Koalitionsvertrag nichts zu tun.

Es bedient offensichtlich Klientelpolitik unter Inkaufnahme von Unordnung und unauflösbaren Widersprüchen in Berufsbezeichnungen

Es führt die Bevölkerung und den Patienten bewusst in die Irre, verletzt so den Verbraucherschutz und gefährdet die Patientensicherheit.

Es schafft einen neuen Basisberuf für neues psychologisches Versorgungssystem. Eine Debatte über dessen Zweckmäßigkeit und Folgen für das Gesundheitssystem wird von den Lobbyisten im Keim erstickt und von der Politik nicht geführt.

Der zu findende Name für den neuen Heilberuf

Worte und Begriffe bezeichnen Dinge. Die Dinge erhalten eine durch die sprachliche Bezeichnung und Verwendung von Worten ihre Identität, ihren Namen. Die Sprache dient der Verständigung. Verschiedene Dinge werden durch verschiedene Worte bezeichnet. So verständigen wir uns untereinander.

Der Gesetzesvorschlag entwirft einen neuen Beruf. Der neue Beruf braucht einen Namen, ein Wort, das die Identität bezeichnet und der Verständigung dient.

Erste Voraussetzung für den neuen Beruf ist zunächst ein Bachelor-Studium der Psychologie. Der Abschluss ist Psychologie, der/die Absolvent*in ein/e Psycholog*in. Dieses Studium soll neu aufgelegt werden und mit therapeutischen und klinischen Inhalten angereichert werden.

Zweite Voraussetzung für den neuen Beruf ist ein Master-Studium der Psychologie mit Schwerpunkt klinische Psychologie und Psychotherapie. Der Abschluss erfolgt ebenfalls in Psychologie.

Danach soll – vielleicht nach einer klinischen Hospitation – eine Approbationsprüfung zur Ausübung der selbständigen und eigenverantwortlichen Heilkunde anschließen.

Der Absolvent (m/w/d) kann also nur ein Psychologe (m/w/d) sein. Da zwei Psychologie-Studien mit therapeutischem oder klinischem Akzent absolviert werden, könnte die Bezeichnung klinischer Psychologe (m/w/d) verwendet werden. Da diese jedoch schon belegt ist, scheidet sie aus, da dieselbe Verwendung eines Begriffes für verschiedene Dinge zur Verwirrung führt, auch wenn die Dinge sich – wie hier – nicht im Grundsatz unterscheiden.

Die treffendste Bezeichnung wäre therapeutischer Psychologe (m/w/d). Das ist ein neuer Begriff, der den Grundberuf Psychologe korrekt wiedergibt und seinen inhaltlichen Akzent mit einem zutreffenden Adjektiv ergänzt.

Zum Begriff des Therapeuten und des Psychotherapeuten

Alle Namen, die die Bezeichnung „Therapeut“ tragen, verweisen auf Berufe und Bezeichnungen innerhalb von Berufen, die therapieren, also Therapie anwenden. Beispiele sind Physiotherapeut, Musiktherapeut, Kunsttherapeut, Schmerztherapeut u.v.m.

Die Sprache als Verständigungsmittel kennt bislang keinen Therapeuten, der erst nach Erlangung der Bezeichnung „Therapeut“ die Fähigkeit zu therapieren erlernen soll. Dies ist aber bei dem neuen Heilberuf so geplant.

Psychotherapeut, so hat es die Bundesregierung vor 20 Jahren eingeführt, darf sich derjenige nennen, der die Qualifikation erworben hat, eine Psychotherapie durchzuführen. Das sind nach der Gesetzeslage entsprechen weitergebildete Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Sie alle haben nach einem Qualifikationsstandard Psychotherapie erlernt und können sie heilkundlich anwenden. Der Sprache folgend und die Sprache nutzend haben wir uns seit 20 Jahren auf gesetzlicher Basis also darüber verständigt, dass ein Psychotherapeut in der Heilkunde Psychotherapie beherrscht und durchführen kann. Das folgt der Sprache als Verständigungsmittel und sorgt so für Patientensicherheit und-orientierung.

Der neue Beruf kann sich aus 3 Gründen nicht Psychotherapeut nennen

– Die Fertigkeiten in der Durchführung von Psychotherapie müssen erst noch erlernt werden in einer Weiterbildung. Das würde sprachlich in die Irre führen. Sprachlich korrekt gefasst handelt es sich bei dem im Gesetz beschriebenen Absolventen um einen Psychologen und möglicherweise zukünftigen Psychotherapeuten.

– Die Bezeichnung Psychotherapeut werden andere Berufsgruppen jahrzehntelang weitertragen. So würde diese Nomenklatur nicht nur in die Irre führen, sondern auch in die Verwirrung. Der Gesetzgeber sähe hier also – bislang ohne Vorbild – die gleiche Bezeichnung für sehr verschiedene Berufsbilder auf völlig unterschiedlichen Qualifikationsniveaus vor. Der Gesetzgeber suggeriert eine Gleichheit oder Vergleichbarkeit des neuen Berufs mit anderen, die diese Bezeichnung aus einem völlig anderen Grund tragen, nämlich aufgrund der erworbenen Fertigkeiten, Psychotherapie durchzuführen.

– Die absolvierten Grundstudien (Psychologie) kommen im Namen nicht vor. Dem Gegenüber des neuen Berufes wird nicht bedeutet, wem es im Grunde gegenübersitzt. Der Psychologie wohnt aber kraft der beiden Abschlüsse die Grundbedeutung inne. Wenn der Grund (Psychologe) aber ohne einen Grund wegfällt, bleibt das Übrige (Psychotherapeut) nichts weiter als bedeutungslose Hülle, die nur mit dem Hinweis auf etwas möglich Zukünftiges gefüllt ist.

Und noch eine Bemerkung zur Verwendung des Begriffs Psychotherapeut: Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind nicht „die Psychotherapeuten“. Eine missverständliche Klammer im SGB V zur sprachlichen Vereinfachung des Gesetzestextes war nie als Legaldefinition gedacht. Das liegt auch schriftlich aus dem BMG vor. Anstatt die missbräuchliche Terminologie zu korrigieren, wie es wiederholt vom Deutschen Ärztetag gefordert wurde, schickt sich die Politik nun an, den Fehler in Gesetzestext zu gießen. Sie geht sogar noch weiter: Sie klebt dieses Etikett auf einen Absolventen der Psychologie, nach dem Motto: einfach mal was Neues. Dagegen ist der Dieselskandal eine Bagatelle: immerhin ist da ein Dieselmotor drin.

Falsche Analogie zu Ärzten und Fachärzten

Die Idee, den zukünftig fachkundigen Psychologischen Psychotherapeuten nach dem Erlernen eines Psychotherapieverfahrens Fachpsychotherapeut zu nennen, ist sprachlicher und inhaltlicher Unsinn.

Es geht hier nicht um Fächer. Psychotherapie ist kein Fach, auch kein Gebiet. Psychotherapie ist eine Behandlungsweise, die natürlich nur fachkundig durchgeführt wird.

Der Gesetzesvorschlag will einen Psychologen, der schon etwas von Psychotherapie im Studium gehört hat, Psychotherapeut nennen und als solchen sogar approbieren. Die Qualifikation zur Durchführung von Psychotherapie, die Fachkunde, soll anschließend erworben werden. Das führt dann auch korrekt benannt zum Fachkundigen Psychotherapeuten. Das „kundig“ macht einen Unterschied: es entlarvt nämlich, dass der neue approbierte Beruf unter dem vielfach in die Irre und Verwirrung führenden Namen „Psychotherapeut“ nicht fachkundig ist und zur Klarstellung dann auch „Nichtfachkundiger Psychotherapeut“ genannt werden müsste, oder sprachlich noch korrekter bedeutet: „Psychologe und nichtfachkundiger Psychotherapeut“ oder „Psychologin und fachunkundige Psychotherapeutin“.

Streicht man, wieder Gesetzgeber es vorschlägt, nun die Bezeichnung für das wesentlich Erworbene und das kennzeichnende Adjektiv für Noch-Nicht-Erworbenes, nämlich „Psychologe und nicht fachkundiger“, dann stiftet man absichtlich Irreführung und Verwirrung. Das Ziel der Politik, Ordnung zu schaffen, verkehrt sich ins Gegenteil: der Gesetzgeber führt die gleiche Bezeichnung für ganz unterschiedliche Qualifikationen ein. Damit führt er Patienten in die Irre, die einem Psychotherapeuten gegenübersitzen, der nicht fachkundig ist. Er stiftet Verwirrung, da zukünftig so niemandem mehr klar sein kann, ob ein fachkundiger oder fachunkundiger Psychotherapeut unter gleichem Namen vor ihm sitzt.

 

Arzt ist die Bezeichnung für den Generalisten in der Heilkunde. Ein Direktstudium der gesamten Medizin schließt mit der Berufsbezeichnung Arzt ab. Ein Arzt kann selbständig und eigenverantwortlich ärztlich tätig sein. Daher bekommt er die Approbation als Arzt. Arzt-Sein muss nicht im Weiteren noch erworben werden. Wohl wird jedoch in der Weiterbildung die Fachkunde in Gebieten erworben. Obwohl mit Studienabschluss theoretische Kenntnisse und praktische Fähig- und Fertigkeiten etwa in Innerer Medizin, Chirurgie u.v.a. vorliegen, nennt sich der Absolvent eben nicht Internist oder Chirurg, so wie der Gesetzgeber dies nun für sog. „Psychotherapeuten“ vorsieht.

Die Medizin gliedert sich in über 40 ärztliche Gebiete (Fächer) und ebenso viele Zusatzbezeichnungen. Hierin begründet sich die Bezeichnung Fachärztin/Facharzt.

Das Medizinstudium ist tatsächlich praxisorientiert. Eine Medizinstudentin sieht hunderte von Patientinnen, allein im Rahmen des durchgängigen Bedsideteachings in den Universitätskliniken und angeschlossenen Lehrkrankenhäusern. Zusätzlich sind 4 Monate Vollzeit Famulaturen in Kliniken und Arztpraxen abzuleisten. Das Medizinstudium, das zur Approbation als Ärztin qualifiziert, endet mit einem Praktischen Jahr in Vollzeittätigkeit.

Die jetzige „Ausbildungsreform“ bestückt das herkömmliche Psychologie-Studium mit „praktischen Anteilen“. Diese sind zu einem guten Teil als Forschungsseminare und patientenfreier Unterricht in Seminarform vorgesehen. Das liegt daran, dass an psychologischen Universitätsinstituten – ganz anders als in der Medizin – bis auf wenige Patienten in kleinen Institutsambulanzen keine Patienten zur Verfügung stehen. Hospitationen und Praktika am Patienten sind derzeit im Bachelor-Studium von 10 Wochen vorgesehen, im Master-Studium von 15 Wochen. Das entspricht kaum mehr als dem Add-on Modul der Famulaturen in der Medizin. Weniger als 4 Wochen sollen dabei bei tatsächlichen Psychotherapie-Prozessen hospitiert werden!

Es wird eben ein klinischer oder therapeutischer Psychologe ausgebildet, der bereits theoretische und einige wenige praktische Einblicke in therapeutische Prozesse gewonnen hat. Daher schließt auch das Master-Studium mit Psychologie ab. Die Umetikettierung durch eine Staatsprüfung mit Schauspielern zum „Psychotherapeuten“ gleicht einem Schildbürgerstreich.

Ganz nebenbei: Die Psychologie selbst nennt derzeit 4 wissenschaftlich anerkannte Psychotherapieverfahren: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Systemische Psychotherapie, Gesprächspsychotherapie. Lehrstühle und Universitätsinstitute befassen sich derzeit mit weit über 90% ausschließlich mit Verhaltenstherapie. Der Anspruch, „den Psychotherapeuten“ approbieren zu wollen einerseits und die akademische Wirklichkeit andererseits klaffen auch hier weit auseinander.

Fazit

Ein neuer Beruf braucht einen neuen Namen, der Herkunft und Abschlüsse bezeichnet. Vorschlag: therapeutischer Psychologe. Die Umetikettierung mittels alter, bewährter Qualitätssiegel führt die Bevölkerung bewusst in die Irre, missachten den Verbraucherschutz und gefährdet die Patientensicherheit. Zudem verletzt es die Rechte all derer, denen das Qualitätssiegel aufgrund bestehender Gesetzeslage bislang verliehen wurde. Das geplante Nebeneinander unterschiedlichster Qualifikationen unter einem Qualitätssiegel führt den ordnungspolitischen Auftrag des Gesetzgebers ad absurdum.

Die Ausbildungsreform führt zweifelsfrei zu einer Psychologin. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Ursächlich für die Augenwischerei ist die irreführende Verwendung von Begrifflichkeiten wie beispielsweise „berufsspezifisches Studium“ in Verbindung mit einer, „Approbationsprüfung“, „praktische Anteile“, die einer seriösen Überprüfung nicht standhalten.

Wenn es gewollt wird, dass ein neuer psychologischer Basisberuf approbiert werden soll, bedarf es einer ehrlichen Debatte darüber. Die ist bisher überhaupt nicht geführt.

Vor allem aber darf auf einer Verpackung nur stehen, was sich auch als Inhalt darin verbirgt. Der hier beabsichtigte Etikettenschwindel und die damit einhergehende Verbrauchertäuschung würden schwer wiegen und vermutlich einer gerichtlichen Überprüfung kaum standhalten.

Unser Vorsitzender des PIF-Ausschusses des SpiFa im Interview mit Gesundheit & Gesellschaft

(*PIF-Ausschuss“: Ausschuss für Psychotherapie in den Fachgebieten, Strukturfragen in der Versorgung psychischer und psychosomatischer Patienten und fachgebietsspezifischer kommunikativer und psychosozialer ärztlicher Behandlungsverantwortung)

„Ausbildungsreform – Therapeut wäre Etikettenschwindel!“